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Eine Ikone der weiblichen Designer-Szene

Der Klassiker: Eileen Gray ist eine der ersten Frauen, die sich als Innenarchitektin etabliert. Mit ihren unverkennbaren Entwürfen setzt die gebürtige Irin bis heute gültige Massstäbe.

Eileen-Gray-Klassiker: der Beistelltisch E1027, das Daybed und der Ziegelstein-Raumteiler aus Lack. Bilder: Smow.de/AramDesigns

30.03.2022

Dieses Tischchen ist eher unauffällig, aber hat die Aura eines ewigen Klassikers: Den Beistelltisch E 1027 entwirft die irische Möbeldesignerin Eileen Grey im Jahr 1927 für ihr selbst konzipiertes Haus in Südfrankreich. Das Möbelstück entwickelt Grey höhenverstellbar, damit sie es an verschiedenen Orten im Haus einsetzen kann – so auch für das Frühstück im Bett. Sie hat sich mit voller Überzeugung dem modernistischen Design verschrieben. So überzeugt der Beistelltisch E 1027 durch ein schlichtes und elegantes Design aus verchromten Stahlrohren und Glas sowie durch Funktionalität. Die Basis bildet ein abgerundetes Rohr, das zwei vertikale Teile mit dem Verstellmechanismus hält. Auch die Abstellfläche aus Glas wird von einem runden Stahlrohr getragen. Das Tischchen ist ein zeitloses Möbelstück, das auch heute noch regen Absatz findet. Oft wird es in Anwaltskanzleien, edlen Wartezimmern oder in schicken Altbauwohnungen gesichtet. Der Beistelltisch setzt bis heute Designmassstäbe. So gehört er zur ständigen Klassiker-Sammlung des Museum of Modern Art in New York.

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Lackierte Möbelstücke zeichnen ihr Schaffen aus

Eileen Gray erbt das kreative Gen wohl vom Vater, der ebenfalls Künstler war. Dank der adeligen Mutter verfügt Grey über einen Adelstitel und lebt ab dem 15. Lebensjahr in London. Dort besucht sie 1898 als eine der ersten Frauen die Slade School of Arts, um Malerei zu studieren. Sie beendete das Studium jedoch nicht, denn die Arbeiten mit Lack haben es ihr angetan. Sie absolvierte eine Lehre als Lackiererin – für eine Frau dieser Zeit eine ungewöhnliche Wahl. 1902 zieht sie nach Paris, wo sie die meiste Zeit ihres Lebens verbringen wird. Sie setzt ihre Ausbildung in der Lackmalerei fort und beginnt, lackierte Gegenstände zu entwerfen.

Erste Anerkennung erlangten Grays dekorative Lacktafeln anlässlich ihrer ersten Ausstellung 1913 in Paris. Doch mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs muss die junge Designerin wie viele andere eine Pause einlegen – für Schönes ist keine Nachfrage vorhanden. Sie reist zurück nach London und zieht sich vorerst aus dem öffentlichen Leben zurück. Bald nach Kriegsende kehrt sie nach Paris zurück und beginnt, als Innenarchitektin und Möbeldesignerin Fuss zu fassen.

Grays Entwürfe haben das Zeug zum Klassiker

In ihren Anfangsjahren entwirft Gray aufgrund ihrer Fähigkeiten als Lackiererin zahlreiche Möbel mit Lackbeschichtungen. Ihre Paneelen zählen bis heute in Art-déco-Kreisen zum Nonplusultra. Zum ersten Klassiker etabliert sich jedoch nicht ein Boudoir, sondern ein Sessel. Der Bibendum-Stuhl, den sie 1921 kreiert, sorgt für den extravaganten Look. Er ist von der Bibendum-Figur, dem bekannten Michelin-Männchen des Reifenherstellers Michelin, inspiriert. Die Rückenlehne erinnert an zwei gepumpte Reifen, trotzdem präsentiert sich der Stuhl als Ganzes raffiniert und elegant. Das Gestell aus verchromten Edelstahlrohren und die Sitzfläche mit einem gepolsterten, runden Kissen sowie zwei halbkreisförmige Kissen in Form von Pneus bilden die Rückenlehne und die Armlehnen.

Eileen Gray
Eileen Gray

Für Aufsehen sorgt der Ziegelstein-Raumteiler, den sie 1925 entwirft. Der Paravent ist ein Paradestück von Grays Arbeit mit Lack. Es handelt sich um einen Raumteiler, der aus vielen ineinandergreifenden Paneelen besteht, die einer Ziegelsteinmauer ähneln. Die Paneelen sind mit einer glänzenden Lackierung versehen und werden durch Edelstahlstangen zusammengehalten. Die ersten Stücke werden von Gray in aufwendiger Handarbeit hergestellt, worauf sie eine schmerzhafte Hautkrankheit der Hände erleidet.

Die Designerin wird zur Architektin

Obwohl Gray über kein Architekturstudium verfügt, reizt sie die Domäne der Baukunst. Das Multitalent beginnt in den 1920er-Jahren, sich mit architektonischen Entwürfen auseinanderzusetzen. Ob aus Liebe oder aus Berechnung, um von seinem Fachwissen zu profitieren, geht sie eine Beziehung mit dem französisch-rumänischen Architekten Jean Badovici ein. Gemeinsam zeichnen sie ihr erstes Haus mit dem Namen E1027 in Südfrankreich und kommen auch in Kontakt mit Le Corbusier und anderen berühmten Zeitgenossen. Gray ist in ihrem Element: Sie entwirft alle Möbel, auch den berühmten Beistelltisch E1027, sowie die Inneneinrichtung wie etwa die Teppiche selbst. In dieser Zeit entwickelt Eileen Gray auch ein neues Selbstbewusstsein und wagt es, öffentlich über ihre Beziehung mit der französischen Sängerin und Schauspielerin Damia zu sprechen.

Umtriebige Schafferin bis ins hohe Alter

Doch der weitere Erfolg der talentierten Irin wird jäh vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gebremst. Weil auch ein Teil Südfrankreichs besetzt wird, muss sie ihr Haus verlassen. Dieses wird nach Kriegsende ausgeraubt und viele ihrer Werke werden zerstört. Gray arbeitet über Jahrzehnte bis ins hohe Alter als Designerin, auch bei Grossprojekten wie etwa einem Kultur- und Sozialzentrum ist sie involviert. Sie gestaltet immer wieder Serien von kleineren Möbelentwürfen für ihre Innenarchitektur-Projekte.

Aus heutiger Sicht unverständlich, doch ihre ersten Möbelentwürfe verschwinden bis in die siebziger Jahre fast ganz aus dem öffentlichen Gedächtnis. Erst als Gray bereits 94 Jahre alt ist, wird ein britischer Möbelbauer auf ihre Entwürfe aufmerksam und beginnt mit der Produktion der heute legendären Klassiker. Trotz dem späten Erfolg stirbt sie mit 98 Jahren einsam in Paris. Um ihren Lebensstil ranken sich zahlreiche Mythen, vieles ist bis heute ungeklärt. Doch ihr Stil ist glasklar: Er gilt als modernistisch mit eleganten, klaren Linien und neutralen Farben. Darum zählt auch das Beistelltischchen E 1027 zu den Klassik-Must-haves der Gegenwart. Übrigens: Der etwas seltsame Name E1027 kommt von «E» für Eileen, die Zahlen 10, 2 und 7 für die Positionen der Anfangsbuchstaben der Namen des illustren Architekten-Paares Jean «J» Badovici «B» und Gray «G» im Alphabet. Monika Burri
             

Zur Person

Eileen Gray (1878–1976) war eine irische Architektin und Möbeldesignerin. In Irland geboren und in London ausgebildet, verbrachte sie den grössten Teil ihres Lebens jedoch in Frankreich. Ihr Schaffen wurde stark von der modernistischen Bewegung beeinflusst. Sie gilt als einflussreiche und wichtige Designerin und Architektin des frühen 20. Jahrhunderts. Weil sie eine Frau war, fand ihre Arbeit zu Lebzeiten oft zu wenig Beachtung. Heute zählen einige ihrer Kreationen zu den weltweit bekannten Einrichtungsklassikern. Aram Design aus London hält weltweit die Lizenzrechte für Eileen Grays Entwürfe.