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«Das Abstimmen von Wirtschaft und Bildung bleibt herausfordernd»

Was braucht die Zuger Wirtschaft an Bildung? Volkswirtschaftsdirektorin Silvia Thalmann antwortet: den Blick nach vorn.
Zu evaluieren, wie sich die wirtschaftlichen Bedürfnisse entwickeln und was das für die Berufsbildung bedeutet, ist eine Herkulesaufgabe. Nichtsdestotrotz freut sich die CVP-Regierungsrätin über diese herausfordernde Aufgabe. Bild: Maria Schmid (Zug, 16. September 2020)

Zu evaluieren, wie sich die wirtschaftlichen Bedürfnisse entwickeln und was das für die Berufsbildung bedeutet, ist eine Herkulesaufgabe. Nichtsdestotrotz freut sich die CVP-Regierungsrätin über diese herausfordernde Aufgabe. Bild: Maria Schmid (Zug, 16. September 2020)

Verschiedene Bildungsinstitutionen und Lehrbetriebe bereiten junge Menschen auf den Arbeitsmarkt vor. Dabei führen viele Wege nach Rom: Den Einstieg in die Wirtschaft finden Auszubildende über Fachhochschulen, Universitäten oder Lehren. Auch im Kanton Zug gibt es mehrere Möglichkeiten. Doch was braucht die Zuger Wirtschaft an Bildung, und wie koordiniert man Ausbildung und die Bedürfnisse der Wirtschaft? Die Regierungsrätin liefert im Interview Antworten darauf und spricht über Herausforderungen.
                                       

Silvia Thalmann-Gut, was braucht die Zuger Wirtschaft an Bildung?

Den Blick nach vorn. Im Hinblick auf die Bildung ist es entscheidend, dass man sich vor Augen hält, dass das Wirtschaftsumfeld sehr dynamisch ist und durch Entwicklungen verschiedener Art neue Berufsfelder entstehen, die in der Berufsbildung aufgegriffen werden müssen. Konkret heisst das deshalb: Die Bildung muss à jour sein. Das ist im Übrigen eine der grossen Herausforderungen, wenn es darum geht, Bildung und Wirtschaft zu koordinieren.

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Können Sie das ausführen?

Die Wirtschaft befindet sich in einem ständigen Wandel, dem sich die Berufsbildung anpassen muss. Beispielsweise entstehen aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung neue Berufe. Die Herausforderung hierbei ist, dass die Berufsbildung darauf mit neuen Angeboten reagiert. Die Schaffung neuer Berufsausbildungen ist ein Prozess, der auf nationaler Ebene abläuft und bei dem neben den Kantonen auch die Berufsverbände involviert sind. Ein Vorantreiben auf kantonaler Ebene ist kaum möglich. Das Abstimmen von wirtschaftlichen Entwicklungen mit dem dualen Bildungssystem bleibt herausfordernd.


280 Informatiker werden im Kanton ausgebildet.


Sie haben die Digitalisierung bereits angesprochen mit dem Hinweis, dass dadurch neue Berufe entstehen. Auch das Gegenteil ist möglich, Berufe fallen weg, menschliche Arbeitskräfte werden in gewissen Bereichen überflüssig.

Das stimmt und es ist ein Bereich, welcher den Regierungsrat des Kantons Zug stark beschäftigt. Für die Zukunft bedeutet dieser Wegfall von Arbeitsplätzen, dass es Menschen geben wird, die Fähigkeiten mitbringen, die in der Wirtschaft in dieser Art nicht mehr benötigt werden. Ein Beispiel: Wer im Lebensmittelgeschäft einkauft, bezahlt entweder an der Kasse oder nutzt den Self-Check-out. Inwiefern bediente Kassen in Zukunft noch nötig sind, ist schwer abzuschätzen. Das ist nur ein Beispiel; in ganz vielen anderen Fällen zeichnet sich eine vergleichbare Entwicklung ab. In der Volkswirtschaftsdirektion loten wir zurzeit aus, wie diese Veränderungen in der Berufsbildung aufgefangen werden können

Die HSLU (links) und die Kantonsschule Zug sind laut Silvia Thalmann wichtige Bildungsinstitutionen für den Kanton. Bilder: Stefan Kaiser/PD Regine Giesecke
Die HSLU (links) und die Kantonsschule Zug sind laut Silvia Thalmann wichtige Bildungsinstitutionen für den Kanton. Bilder: Stefan Kaiser/PD Regine Giesecke

Das heisst?

Wir müssen herausfinden, wie entweder die Fähigkeiten der Menschen, deren Berufsfeld wegfällt oder reduziert wird, anders genutzt werden können oder wie man sie an einen anderen Beruf heranführen kann, der eine Zukunft hat.

Klingt nach einer Herkulesaufgabe. Wie geht die Politik hier vor?

Aktuell sind wir dabei, eine Auslegeordnung zu machen. Wir stellen uns die Frage: Welche praktischen Tätigkeiten fallen weg? Was bedeutet das für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und welche Aus- oder Weiterbildung benötigen sie? In der Schweiz ist das System der beruflichen Weiterbildung fantastisch aufgebaut. Beinahe für jedes Berufsfeld gibt es ein breites Angebot, wodurch Arbeitnehmende die Möglichkeit erhalten, sich auch zu einem späteren Zeitpunkt vertieft mit ihrem Beruf auseinanderzusetzen oder sich für Führungspositionen zu rüsten. Gerade für junge Menschen, die sehr früh den Entscheid für ihren beruflichen Werdegang fällen müssen, scheint mir das eine ideale Lösung zu sein. Nicht zuletzt deshalb, weil gerade die jüngere Generation vom Wegfall verschiedener Tätigkeiten betroffen sein wird. Für sie müssen wir Lösungen suchen. Zweifelsohne wird das ein ganzes Stück Arbeit, da nach der Evaluierung konkret ausgearbeitet werden muss, wo diese Menschen künftig tätig sein können.

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Was treibt Sie dabei an?

Die Freude an der Arbeit. Knackpunkte gibt es viele. Die Aufgabe ist spannend, weil wir einen tiefen Einblick in die Berufsfelder erhalten und Neues schaffen können. Wobei wir uns mit den Vertretenden von Verbänden, Arbeitgebern und der Wirtschaft intensiv austauschen werden. Die Lösung liegt nicht auf dem Tisch, wir müssen genau hinschauen und exakt arbeiten – das fasziniert mich. Ich sehe es als Privileg, mich intensiv damit befassen zu können.

Gerade in Zug hat die Digitalisierung grossen Einfluss auf die Wirtschaft. Stichwort Crypto Valley. Die Wirtschaft ist bestrebt, neue Arbeitsplätze zu schaffen, um den Standort Zug als Crypto Valley zu festigen. Wie reagiert man im Kanton darauf bezüglich Ausbildung? Wie fördert man diese in dem Bereich gezielt?


«Plötzlich musste wegen der Pandemie alles digital funktionieren, auch Prozesse, von denen man sich nicht vorstellen konnte, sie in den Onlinebereich zu verlegen.»

Silvia Thalmann, Regierungsrätin


Das Crypto Valley umfasst zwei Arbeitsfelder: Einerseits spielt der Finanzdienstleistungssektor eine grosse Rolle. Andererseits geht es um die Blockchaintechnologie, die nicht nur für das digitale Bezahlen verwendet wird, sondern grundsätzlich in der Informatik Anwendung findet. In beiden Bereichen hat der Kanton Zug ein starkes Standbein mit der Hochschule Luzern (HSLU, Departement Informatik und IFZ, Institut für Finanzdienstleistungen), die in der Rotkreuzer Suurstoffi angesiedelt ist. Die Wege sind kurz, der Austausch zwischen den Gebieten funktioniert gut. Die Hochschule Luzern ist im Bildungsbereich ein wichtiger Ansprechpartner. Dazu ist dieses Jahr am Gewerblich-industriellen Bildungszentrum Zug (GIBZ) die Höhere Fachschule für Informatik und Elektronik (HFIE) gestartet. Die HFIE nimmt die Zeichen der Zeit laufend auf und geht auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes ein. Ausserdem ist der Zugang vor allem für Informatikinteressierte niederschwelliger, da kein Maturaabschluss nötig ist. Uns ist bewusst, dass wir, bildhaft gesprochen, den Fuss in die Tür halten müssen, wenn es um die Digitalisierung geht. Damit wir den Anschluss nicht verlieren und mit dem rasanten Wandel der Branche mithalten können.

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Gibt es denn genug Lehrstellen für Informatiker? Die dürften sehr gefragt sein.

Die Anzahl der Lernenden im IT-Bereich (Informatikerinnen/Informatiker EFZ) ist überdurchschnittlich hoch im Vergleich zu anderen Kantonen. Es sind im Verhältnis doppelt so viele; derzeit werden im Kanton Zug 280 ausgebildet. Dies entspricht auch der Struktur im Kanton Zug mit einer doppelt so hohen Anzahl an IT-Betrieben, verglichen mit dem schweizerischen Durchschnitt in den Kantonen. Sehr viele Unternehmen befassen sich mit ICT, und wir haben die HSLU vor Ort. Das befruchtet gegenseitig. Denn es ist nicht von der Hand zu weisen – besonders in Zeiten von Corona, wo der digitale Bereich einen enormen Schub bekommen hat –, wir brauchen weiter Informatikerinnen und Informatiker. Auch um bestehende Prozesse zu optimieren oder zu vereinfachen.


Doppelt so viele ICT-Betriebe gibt es in Zug.


Was bedeutet das Virus für den Kanton Zug im Hinblick auf Bildung und Wirtschaft?

Das Erstaunliche an der Pandemie war, dass sich eine breite Bevölkerungsgruppe von heute auf morgen auf neue Begebenheiten umstellen musste. Plötzlich musste alles digital funktionieren, auch Prozesse, von denen man sich nicht vorstellen konnte, sie in den Onlinebereich zu verlegen. In der Bildung war es das Homeschooling. Wäre das ohne diese Notsituation zum Thema geworden, hätte es einen langen politischen Prozess durchlaufen müssen. Die hohe Anpassungsfähigkeit des Bildungsbereichs wurde deutlich sichtbar, das ist erfreulich. Es zeigte sich aber auch, dass Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer zu Bildungszwecken doch bestenfalls physisch zusammenkommen. Das Lernen ist anders und die sozialen Kontakte sind von anderer Qualität.

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Im Kanton Zug als Wirtschaftsplatz haben sich viele internationale Firmen niedergelassen. Beeinflusst das die Berufsbildung?

Durchaus. Wir schätzen es, wenn auch Schweizerinnen und Schweizer im Kader agieren, weil sie unser Bildungssystem bereits kennen und das die Zusammenarbeit erleichtert. In vielen Ländern ist die duale Berufsbildung unbekannt, was wir bei Besuchen in internationalen Firmen immer wieder feststellen. Ziehen neue Firmen zu, wird das duale Bildungssystem stets thematisiert. Für die internationale Berufsbildung gibt es auch Bildxzug.


«Wir stellen uns die Frage: Welche praktischen Tätigkeiten fallen in der Berufswelt künftig weg?»

Silvia Thalmann, Regierungsrätin


Eine Berufswelt ist nicht der einzige Einstieg in die Wirtschaft, gerade im Kanton Zug beschreiten immer mehr Jugendliche den gymnasialen Weg. Ist es Zeit für eine Quote?

Nein. Darüber wurde vor kurzem im Kantonsrat debattiert. Schlaue Köpfe würden dadurch möglicherweise durchs Raster fallen und eine Chance auf den akademischen Weg verpassen. Das möchten wir vermeiden.

Je mehr Schüler zur Kantonsschule gehen, desto höher werden die Ansprüche. Riskiert man damit ein Rennen um die Spitze?

Erfolg im Beruf hängt nicht von der Ausbildung, sondern von der persönlichen Leidenschaft für seine Aufgabe ab. Jemand, der über die Berufswelt ins Arbeitsleben einsteigt, wird von der Wirtschaft «geformt» und hat vielfältige Möglichkeiten, sich weiterzubilden und weiterzuentwickeln. Die praxisbezogene duale Bildung ist für viele junge Menschen sehr passend. Untersuchungen hingegen belegen, dass die Wirtschaft die gymnasiale Ausbildung oft besser honoriert. Insofern bleibt der Druck auf die Berufsbildung auch in Zukunft bestehen.

Bildung im Bereich Nachhaltigkeit wird gefragt sein

Entwicklung: Im Interview betont Regierungsrätin Silvia Thalmann-Gut, dass sich die Berufsbildung in einem steten Wandel befinde, da sich in der Wirtschaft neue Felder auftun. Neben dem Finanztechnologiebereich betrifft das des Weiteren die Nachhaltigkeit. «Ich erlebe dieses Thema als sehr prominent im Kanton Zug», führt die Volkswirtschaftsdirektorin aus. Zug sei im nationalen Vergleich seit Jahren an der Spitze im Bereich der Nachhaltigkeit, und das liege unter anderem daran, dass sich Zuger Start-ups gleichermassen wie etablierte grosse Unternehmen des Themas annähmen. Im Gespräch sind das nachhaltige Bauen, das nachhaltige Produzieren und Investieren. «Einerseits gibt es Firmen, die forschen, und andererseits gibt es jene, die davon profitieren können», so Thalmann.

Nachfrage ist gegeben

Als Beispiele nennt sie unter anderem die Zugerland Verkehrsbetriebe, die mit ihren Fahrzeugen auf umweltverträglichere Fahrzeuge setzen, oder die V-Zug und Siemens, die im nachhaltigen Produzieren stark seien. «Ich bin überzeugt, dass Nachhaltigkeit in Zukunft noch wichtiger wird und in diesem Sektor auch der Bildung Rechnung getragen werden muss.»

Erst kürzlich fand unter anderem eine Podiumsdiskussion, organisiert durch die Zuger Wirtschaftskammer, statt. Vertreter von der Bossard Group, von LafargeHolcim und der Risi Immobilien AG sowie Vertreter aus der Zuger Politik waren sich einig, dass nachhaltiges Wirtschaften sowohl im Sozial- als auch im Umweltbereich schon immer wichtig war und künftig noch mehr Bedeutung bekommen wird. (vv)