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Zur Mauer ohne rechte Winkel: Baustellenführung Spitallamm & Grimsel-Staumauer

Ausflugstipp: Auf 1900 Metern Höhe nimmt die neue, 113 Meter hohe Grimsel-Staumauer Gestalt an. Die Baustellenführungen vermitteln etwas von der Wucht und dem Segen der Wasserkraft.

Die neue Staumauer und die grössten Kräne der Schweiz. Bild: zvg

1.05.2022

Die Stromversorgung in der Schweiz wäre nichts ohne Wasserkraft. Im nationalen Strommix macht sie rund 56 Prozent aus. Eine Errungenschaft: Während andere Länder Kohle als Energieträger nutzten, setzte die Schweiz im 19. Jahrhunderts auf Wasserkraft.

Schweizer Industriegeschichte fasziniert immer. In der Grimselregion, wo 13 Kraftwerke heute Strom für rund eine Million Menschen produzieren, können Interessierte die geballte Ladung von Wasserkraft, Pioniergeist und Energietechnik in einem erleben. Man bekommt etwas von den 160 km Stollen durch den Grimselgranit mit. Die 114 Meter hohe Grimsel-Staumauer (Spitallamm) war immer schon ein Hingucker und galt beim Bau (1925–1932) als Jahrhundertbauwerk. Bei ihrer Fertigstellung war sie für kurze Zeit sogar die weltweit höchste Talsperre. Nun wird seit 2019 und bis 2025 eine neue Staumauer gebaut, da die erste, 90-jährig, Sanierungsbedarf aufwies.

Hochpräzise Sprengungen

Die neue soll hundert Jahre halten. Mindestens. Deshalb ist auch heute Pioniergeist gefragt. Die Grimsel-Baustelle ist schweizweit eine Ausnahmeerscheinung. Nicht nur, weil sie auf 1900 Metern Höhe liegt und das zwangsläufig transportlogistische Aufgaben mit sich zieht. In der Schweiz gebe es nur zwei Kräne, die über 100 Meter hoch sind. «Beide stehen bei uns», sagte Kranführer Jonas Bösch in einer Youtube-Dokumentation. Um unerwünschte Erschütterungen zu vermeiden, müssen Sprengungen geologisch geprüft und chirurgisch genau erfolgen. Dann galt es, sorgsam mit dem Material umzugehen. Das aus dem Ausbruch des Fundamentes gewonnene Kies dient nun zur Herstellung des nötigen Betons.

Damals wie heute ist auch die Staumauer 2.0 bautechnische Avantgarde. Sie kommt ohne Armierungseisen aus und nutzt für ihre Stabilität die Druckkraft des Wassers. Das ist so effektiv, dass die Bogenmauer an der Basis gerade mal 20 Meter dick ist. Zum Vergleich: Die bestehende ist 60 Meter dick.

In den kommenden Tagen werden die rund 100 Mineure, Bauingenieurinnen und Poliere die Bautätigkeit wieder aufnehmen. Aus Betonblöcken von etwa 15 Meter mal 3 Meter gewinnt die Staumauer jetzt an Höhe. In einer Mauer, wo Rundungen die vorherrschende Form sind, bleibt der Bau bis zum Schluss ein herausforderndes Unterfangen.

Die Staumauer aus der Nähe

Vom 17. Juni bis 9. Oktober werden Baustellenführungen zum Spitallamm angeboten. Der geführte Rundgang führt durch verworrene Stollen, auf Aussichtsplattformen und nah an die Baustelle. Die Führungen vermitteln Hintergrundinformationen rund um die Baustelle, zur Grimselwelt und der Wasserkraft im Allgemeinen. Tiziana Ossola

Weitere Infos und Besichtigungen www.grimselwelt.ch